Ist alleine wandern gefährlich?

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Ist es denn nicht gefährlich, so ganz alleine zu wandern? Das ist eine gängige Reaktion, wenn ich erzähle, dass ich eine Solo-Tour mache. Ich persönlich empfinde das alleine Wandern nicht als gefährlich. Ich weiß, was ich tue und mir zumuten kann. Ich habe Erfahrung. Und ich bereite mich jedesmal sehr sorgfältig auf meine Touren vor.

Wie gefährlich es unterwegs wird, hängt zum großen Teil an dir selbst ab.

Das A und O für eine erfolgreiche Tour ist eine gute Vorbereitung. Dazu gehört, neben einer anständigen Ausrüstung und der Recherche zum Zielgebiet, auch das Wissen um das, was du kannst und zu leisten in der Lage bist – und was nicht. An diesem Punkt darfst du dir nichts vormachen: Sei dir selbst gegenüber ehrlich. Die meisten Notsituationen beim Wandern entstehen durch Leichtsinn und Überschätzung der eigenen Kräfte!

 

Wann kann das alleine Wandern gefährlich werden?

Im Wesentlichen gibt es 3 Ursachen für gefährliche Situationen:

  • die falsche Einschätzung der eigenen Kräfte und Fähigkeiten
  • die falsche Einschätzung der Bedingungen vor Ort (Wetter, Gelände)
  • unvorhersehbare Ereignisse, hier v.a. Verletzungen

Falsche Einschätzung der eigenen Kräfte und Fähigkeiten bedeutet in der Regel eine Überschätzung der eigenen körperlichen und psychischen Leistungsfähigkeit, was wiederum auf mangelnde Erfahrung und schlechte Vorbereitung zurück zu führen ist. Dazu kommt unter Umständen das fehlende Wissen über spezielle Skills, die unterwegs gebraucht werden, z.B. bei Gletscher- oder Flussüberquerungen.

Falsche Einschätzung der Begebenheiten vor Ort bedeutet in der Regel eine Unterschätzung des Geländes (die Etappen sind schwieriger, als du angenommen hast und nehmen mehr Zeit und Kraft in Anspruch) und des Klimas. Wir sind beim Wandern Kälte, Hitze, Regen und Schnee ausgesetzt, Schutz und Zivilisation sind manchmal weit weg. Mit dieser ungewohnten Erfahrung des „Ausgesetztsein“ musst du klar kommen. Zu der Körperlichen Belastung kommt also noch die psychische Belastung (Unsicherheit, Angst), und die kostet enorm viel Kraft. Auch in solchen Situationen mangelt es oft an Erfahrung. Wir haben uns einfach sehr weit von der Natur entfernt und können nicht mehr richtig einschätzen, wie viel Hitze oder Kälte wir ertragen können, wann die Situation bedrohlich wird, und wie wir uns dann verhalten müssen.

Die Fehleinschätzung des eigenen Könnens und der Verhältnisse vor Ort ist immer die Folge einer schlechten Vorbereitung! Während du dieses Risiko durch verschiedene Maßnahmen auf ein Minimum reduzieren kannst, bist du dem letzten Punkt – unvorhersehbare Ereignisse – gewissermaßen ausgeliefert. Aber auch hier kannst du durch eine gute Vorbereitung die Wahrscheinlichkeit, dass du in einer Gefahrensituation richtig reagierst, verbessern.

 

Was kannst du tun, um das Risiko einer Solo-Tour auf ein Minimum zu reduzieren?

Mache eine Tour, die zu dir passt

Ich habe unterwegs oft Leute gesehen, die völlig überfordert, schlecht ausgerüstet, ahnungslos und komplett auf dem falschen Trip waren. Das kann schon mal in die Hose gehen.

Wähle deine Tour immer so, dass sie deiner Erfahrung und deinem Können entspricht! Schätze deine Stärken, Erfahrungen und dein Wissen richtig ein. Kenne deine Grenzen! Wenn du Schwachstellen entdeckst, arbeite an ihnen.

Wenn du diesen Rat beherzigst, hast du schon viel für deine Sicherheit getan.

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Bereite dich sorgfältig vor

Lerne!

Lerne, was du noch nicht kannst (Orientierung, Wetterkunde, Erste Hilfe, Umgang mit Bären, Survival Skills). Es gibt Bücher, Blogs, Kurse und Menschen, die sich auskennen. Nutze alle Quellen, sauge auf, was mit deinem Vorhaben zu tun hat und hab‘ Spaß! Begeisterung ist eine gute Ausgangslage für schnelles und erfolgreiches Lernen. Sprich Leute direkt an, wenn du meinst, dass sie dir weiter helfen können. Die meisten teilen ihr Wissen gerne!

Trekkingguide ist DIE Seite für Wander- und Trekkingtouren schlechthin, mit einer Fülle an Infos zu wirklich allen Themen.

Ein sehr schöner Beitrag ist Trekking für Einsteiger – 7 Blogger geben Tipps

 

Probiere das Outdoor-Leben aus!

Sammele Outdoor-Erfahrungen. Geh raus, wann immer du kannst – und bei jedem Wetter. Lerne, wie du dich warm und trocken halten kannst und teste – im abgesicherten Rahmen (!) – was du „ab kannst“. Es gibt Seminare, in denen du das unter fachkundiger Anleitung ausprobieren kannst. In solchen Kursen lernst du außerdem wertvolle Skills, um dich in der Natur zurecht zu finden und zu Hause zu fühlen.

Seminare zu Outdoor-Skills und Survival-Techniken werden beispielsweise von Wildnisschulen angeboten. Diese hier kann ich dir persönlich empfehlen:

Naturabenteuer Niederrhein

Natur- und Wildnisschule Teutoburger Wald

 

Ich biete regelmäßig ein Trekking-Training in der Eifel an, bei dem du ausprobieren kannst, ob das Wandern mit großem Gepäck dein Ding ist. Hier findest du die aktuellen Termine.

 

Sicherheit und Erste Hilfe

Du kannst unterwegs noch so vorsichtig sein und trotzdem nicht ausschließen, dass du dich verletzt. Erste-Hilfe-Kenntnisse sind absolut unverzichtbar! Auch zu diesem Thema gibt es hervorragende Seminare, die sich speziell an Outdoor-Freaks richten. Frische deine Kenntnisse regelmäßig auf.

Informiere dich unbedingt über die Notrufnummer in deinem Zielgebiet. Der internationale Notruf für Europa ist normalerweise – aber nicht immer (!) – 112. Lerne außerdem das alpine Notsignal. Eine Trillerpfeife gehört in dein Gepäck, und, je nachdem, wo du unterwegs bist, auch ein Biwaksack. Informiere Leute über deine Route, melde dich unterwegs in den Hütten (falls vorhanden) an und ab.

Hier findest du die Notrufnummer für dein Zielgebiet. Du kannst nicht immer davon ausgehen, dass in den Leitstellen Englisch gesprochen wird. Wenn ich in Südeuropa unterwegs bin, mache ich mir vorher eine Vokabelliste, um einen Notruf in der Landessprache absetzen zu können.

Eine sehr informative Website zum Thema Bergmedizin.

Absolut geniale Erste-Hilfe-Kurse für alle, die draußen unterwegs sind, bietet die Outdoorschule Süd an. Die Kurse sind ihr Geld wert! Erste-Hilfe-Maßnahmen werden im Gelände anhand von gestellten Notfällen geübt. Viel Action, Kunstblut und Spaß – und tolle Leute. Ich selbst mache die Kurse regelmäßig.

>>> siehe meinen Beitrag Outdoor Erste Hilfe – ein Kurs für die Praxis

 

Informiere dich über dein Zielgebiet

Sammele so viele Fakten, wie möglich, und mach dir ein umfassendes Bild von der Gegend, in der du unterwegs sein wirst. Lies Reiseberichte und Beiträge in Foren und nimm Kontakt zu Leuten auf, die schon da waren. Mach dir eine Liste mit Punkten, die du abchecken willst: Wie schwierig ist das Terrain? Welche Infrastruktur gibt es? Welche Kleidung und Ausrüstung brauchst du? Wie ist die Versorgungslage mit Lebensmitteln und Wasser? Wie und wo findest du notfalls Hilfe? Welche Besonderheiten sind zu berücksichtigen?

 

„By failing to prepare, you prepare to fail.“ Benjamin Franklin, Staatsmann

 

Die richtige Ausrüstung

Deine Ausrüstung muss stimmen! Es geht nicht nur um Komfort, sondern um deine Sicherheit. Also bitte nicht am falschen Ende sparen! Für die erste Tour kannst du dir manche Sachen auch leihen, bevor du dich in Unkosten stürzt.

Es gibt ein paar Dinge, die du auf jeden Fall brauchst. Das sind: gute Wanderschuhe, verlässliche Kleidung (Schutz gegen Regen, Kälte, Hitze), ausreichend Essen und Trinken, Orientierungsmittel (Karte, GPS-Gerät, Kompass) und einen bequemen Rucksack, den du über längere Zeit tragen kannst. Eventuell brauchst du zusätzlich ein Zelt, Schlafsack, Kocher, Brennstoff, Spezialausrüstung (z.B. Grödel oder Ausrüstung zum Furten).

Outdoor-Ausrüstung ist ein großer Markt und ein Dschungel dazu. Auch hier gilt: Frage Experten. Hol verschiedene Meinungen ein und mach dir ein Bild von dem, was du wirklich brauchst und in welcher Qualität. Wenn du im Weserbergland wanderst, brauchst du keine High-End-Jacke für 500 €. Aber wenn du in Island zelten willst, musst du richtig investieren.

 

In kleinen Schritten zum großen Ziel

Wenn du zum ersten Mal alleine wanderst, empfehle ich dir, dich schrittweise auf dein großes Ziel vorzubereiten. Fang klein an! Mach Tages- oder Wochenendtouren und teste, was du tragen kannst, wie lange du laufen kannst, und wie du mit dem Alleinsein klar kommst.

Wenn du noch nie längere Strecken oder mehrere Tage am Stück gewandert bist, ist es sinnvoll, wenn du dich erst mal einer Gruppe anschließt.

Es gibt außerdem Veranstalter, die dir helfen, deine Solo-Tour zu organisieren. Sie buchen Unterkünfte, versorgen dich mit Infos zur Route und organisieren den Gepäcktransport. Für den Einstieg ins alleine Wandern ist das eine super Sache.

Wenn du zum ersten mal ganz alleine gehst, wähle ein Gebiet, das technisch einfach und einigermaßen erschlossen ist. Es gibt eine ganze Reihe an Fernwanderwegen, die über eine gute Infrastruktur verfügen, und auf denen du nicht alleine unterwegs bist.

Sehr einfache Touren sind zum Beispiel:

Etwas anspruchsvoller:

 

Umgang mit Angst

Angst ist das, was uns am meisten daran hindert, unsere Träume in Taten umzusetzen. Dabei ist sie meistens völlig irrational, heißt: Sie entspringt unserer Phantasie. Und die geht beim Ausmalen Schreckens- und Katastrophenszenarien manchmal mit uns durch. Hältst du es wirklich für realistisch, dass dich im einsamen Lappland ein böser Mensch überfällt und dir das iPhone klaut? Du musst einschätzen können, wann Angst ihre Berechtigung hat und dich schützt, und wann sie unberechtigt ist und dich hindert. Und es ist gut zu wissen, wie du ihr begegnen kannst.

Was tun, wenn dich die Angst überfällt?

Erstmal durchatmen. Mehrmals und ganz tief. Dein Körper verbraucht mehr Sauerstoff, wenn du Angst hast. Versuche, die Kontrolle über deinen Kopf zu behalten und klar zu denken: Was ist der Auslöser deiner Angst? Gibt es überhaupt einen? Oder ist einfach nur ein fieses Bild in deinem Kopf aufgeploppt? Dann ist die Sache unter Umständen schon gelöst.

Ist die Angst immer noch da, und vielleicht sogar berechtigt? Dann frage dich, was im schlimmsten Fall passieren kann. Wie groß ist die Gefahr tatsächlich? Und was kannst du tun? Ändere deinen Plan, suche nach Alternativen, baue dir ein Netz – tue etwas, das dir das Gefühl gibt, Herr über die Lage zu sein. Lass dich von der Angst nicht lähmen!

 

Technische Hilfsmittel

GPS-Gerät und Handy tragen zu deiner Sicherheit bei. Aber verlass dich niemals nur auf die Technik! Geräte ersetzen weder Erfahrung noch eine sorgfältige Planung.

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Es mag auf den ersten Blick eine ganze Menge sein, was du beachten musst. Aber mal ganz ehrlich: Vieles sagt dir schon der gesunde Menschenverstand. Und der Rest kommt mit der Zeit und den Erfahrungen, die du sammelst. Ein Restrisiko bleibt immer. Ein risikofreies Leben gibt es schlichtweg nicht. Mein Rat: Nimm dir genügend Zeit für die Vorbereitung und geh dein großes Ziel schrittweise an. Mach dir einen Jahresplan, in dem du alle wichtigen Termine (Seminare, Probetouren usw.) einträgst und festhältst, welche Dinge du bis wann erledigen willst. Und ganz wichtig: Hab‘ Spaß bei der Sache!

 

Brauchst du noch was? Welche Erfahrungen hast du mit dem alleine Wandern gemacht? Lass es uns wissen.

Walk your way!

Deine Judith

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