Skitour auf dem südlichen Kungsleden

Der eisige Wind fegt durch beide Kapuzen und die Wollmütze direkt in mein Ohr. Meine rechte Gesichtshälfte, versteckt unter Schal und Mütze, ist längst zu einer kalten Maske erstarrt. Meine Umgebung verschwindet in Wolken von aufgewirbelten Schneekristallen: eine weiße, weite Hochebene, über die ein gnadenloser Wind fegt. Eine Skitour auf dem südlichen Kungsleden ist kein Sonntagsspaziergang.

Den Kungsleden und das Rogengebiet habe ich bereits vor einigen Jahren bewandert. Eine Woche lang war ich alleine mit Rucksack und Zelt im herbstlichen Schweden unterwegs. Mit der Skitour auf dem Kungsleden erfülle ich mir nun den lang gehegten Traum, diese Gegend im Winter zu erleben. Da es meine erste große Skitour ist, habe ich mich für eine Gruppenreise entschieden. Wir sind 8 Leute, ausgestattet mit Rucksäcken und Pulkas, in denen unser Material verstaut ist. 6 Tage und 80 Kilometer liegen vor uns.

Der südliche Kungsleden ist ein Fernwanderweg in Mittelschweden. Der Weg verläuft parallel zur norwegischen Grenze von der Provinz Dalarna nach Härjedalen bzw. Jämtland. Für das Teilstück Grövelsjön – Tänndalen braucht man im Sommer 4-5 Tage. Für eine Skitour auf dem südlichen Kungsleden sollte man zusätzlich 1-2 Reservetage einplanen, da man wetterbedingt schon mal auf der Hütte festsitzen kann. Die Landschaft wechselt zwischen Wäldern, Mooren und kahlen Bergkuppen – dem „Fjäll“.

Unsere längste Etappe – es ist gleich die erste – beträgt 21, die kürzeste nur 9 Kilometer. 9 Kilometer sind ein Spaziergang, wenn das Wetter gut ist. Bei Schneesturm sieht die Sache schon ganz anders aus. Wir haben mit dem Wetter verdammt viel Glück, können jeden Tag raus und haben nur oben im Fjäll mit dem eisigen Wind zu kämpfen. Hier macht sich der Windchill unangenehm bemerkbar: Während wir unten im Wald im Fleece laufen, ziehen wir oben alles an, was wir haben.

Gleich die erste Etappe von Tänndalen zur Skedbrostugan hat es in sich und gibt uns einen kleinen Vorgeschmack auf das, was uns in den nächsten Tagen erwartet. Von 720 m kämpfen wir uns gegen einen eisigen Wind hoch auf 1.050 m. Innerlich fluchend schlitter ich über die vereisten Schneeflächen. Die langen Latten an den Füßen sind ungewohnt und hinderlich. Kurz entschlossen schnalle ich die Bretter ab und laufe zu Fuß weiter. Das geht deutlich besser, ist aber immer noch ein Kraftakt. Wohlweislich habe ich ein halbes Kilo Schokolade eingepackt. Die ersten 200g mache ich gleich am ersten Tag platt.

Die Abfahrt in den Wald bewältige ich mit nur einem Sturz. Unten angekommen geht es durch leicht hügeliges Terrain weiter. Die kurzen, knackigen Anstiege machen vor allem den Jungs mit den Pulkas zu schaffen. Auf uns ab geht es auch mit meiner Stimmung: das Hochgefühl angesichts der Schönheit der Landschaft wird vom Frust über schmerzende Muskeln und Knochen getrübt. Eine Skitour auf dem Kungsleden ist eben doch etwas anspruchsvoller, als eine gemütliche Sommerwanderung. Nach knapp 8 Stunden erreichen wir unser Ziel: die einsam gelegene Skedbrostuga, eine der gemütlichen Berghütten, die der schwedische Touristenverein STF am Kungsleden betreibt.

Die Hütten sind wahre Oasen in der kalten, weißen Wildnis. Muckelig warm, hell und freundlich, mit einem kleinen Holzofen, Koch- und Aufenthaltsraum und Schlafkammern, bieten sie ein einfaches aber gemütliches Quartier. Strom und fließendes Wasser gibt es nicht. Wir sitzen abends bei Kerzenschein, holen Wasser aus einem Eisloch im See, müssen uns für jeden Klogang dick anziehen und am nächsten Morgen neues Brennholz aus dem Schuppen holen. Die meisten Hütten haben eine kleinen Shop mit Grundnahrungsmitteln: Knäckebrot, Tubenkäse, Köttbullar, Kartoffelpü, und natürlich Bier und Schokolade. Den größten Teil der Vorräte haben wir allerdings in den Pulkas dabei. Außerdem Biwaksäcke, ein Tarp, Schneeschaufel, Erste-Hilfe-Ausrüstung – und: ein gusseisernes Waffeleisen! Ralf, unser Guide, weiß eben, was man in der Wildnis braucht.

Die Landschaft ist vielfältig und abwechslungsreich. Kahle Bergkuppen wechseln mit lichten Kiefern- und Birkenwäldern. Teilweise führt die Winterroute des Kungsleden über die vereisten Seen. Hier kann man richtig Meter machen! Das Gebiet ist weitestgehend für den Scooter-Verkehr gesperrt und kann nur zu Fuß begangen werden. Dementsprechend still und einsam ist es hier. Rund um die Futterhäuschen der STF-Hütten piepen zaghaft ein paar Vögel, aber ansonsten zeugen nur Spuren im Schnee von Leben: Fuchs, Luchs, Vielfraß, Hase und Schneehuhn wissen in den windgeschützten Wäldern zu überleben. Tiere sehen wir nicht, aber dafür gibt es Nordlichter!

Ich gewöhne mich recht schnell an die Skier, und versuche mich auch an einer Pulka. Mir war nicht bewusst, dass es so viele verschiedene Arten von Schnee gibt: Jeden Tag sind die Bedingungen anders. Mal schlittern wir über Eis, mal gleiten wir durch Pulver, und manchmal klebt der Schnee als zähe Masse unter den Skiern und macht das Vorwärtskommen mühsam.

Wir erleben alles in allem eine relativ ruhige Tour durch eine ruhige Landschaft bei überwiegend ruhigem Wetter – alles „lagom“, wie der Schwede sagt. Und doch bin ich nach 6 Tagen erleichtert, als unser Ziel, die Fjällstation Grövelsjön, in Sicht kommt. Zu Hause in Deutschland ist Frühling. Und den brauche ich jetzt!

 

Kungsleden im Winter: ein paar Tipps

Selbst organisiert oder mit Gruppe?

Von einer Solotour im Winter auf dem Kungsleden muss ich abraten, es sei denn, Du bist wirklich ein erfahrener Tourengänger. Auch wenn das Gelände technisch nicht schwierig ist, die Etappen moderat sind und der Weg eine gute Infrastruktur hat (Markierungen, Hütten), ist eine Wintertour wegen des Wetters anspruchsvoll. Du musst wissen, wie Du auch im Schneesturm einen klaren Kopf behältst, Dich ggf. mit einer Schneehöhle schützen und warm halten kannst. Es gibt in weiten Teilen zwar Handyempfang, aber eben nicht überall.

Ich selbst war mit einer Gruppe von Rucksack Reisen unterwegs. Gruppe, Orga und Tour Guide waren prima. Besonders gut gefiel mir die kleine Gruppengröße von nur 8 Leuten.

Tourenverlauf

Wir wollten die Tour ursprünglich in Süd-Nord-Richtung laufen, also in Grövelsjön starten und in Tänndalen enden. Hätte den Vorteil gehabt, dass die längste Etappe am Schluss gewesen wäre. Leider nahm die Fjällstation in Grövelsjön uns für eine Nacht nicht auf. Vorrang hatten die Gäste, die gleich eine ganze Woche buchten. Stattdessen waren wir die erste Nacht in einer Hütte auf dem Campingplatz in Tänndalen und beendeten unsere Tour 6 Tage später in Grövelsjön, wo wir am Nachmittag locker den Linienbus nach Idre erreichten.

Hütten

Die Hütten auf dem Kungsleden werden vom STF betrieben und in der Saison (Mitte Februar-Mitte April und Ende Juni-September) von einem Hüttenwart betreut. Eine Übernachtung kostet SEK 360,-. Eine Mitgliedschaft im STF oder DJH ist von Vorteil, sonst zahlt man nämlich mehr. Auf den Hütten kann man Lebensmittel kaufen.

Für alle Hütten gilt: Man verlässt sie so, wie man sie bezogen hat. Heißt: Vor dem Aufbruch alles putzen, Wasser und Holz nachfüllen, Müll wegbringen. Die Rogenhütte hat eine Sauna! Die STF-Hütten können vorab gebucht werden.

Unsere letzte Nacht verbrachten wir in Hävlingen, dort konnte man nicht buchen, und die Hütte bietet nur Platz für 8 Leute. Man kann diese Hütte aber überlaufen und die beiden letzten Etappen zusammenfassen (das sind dann 22 Kilometer).

Mitte März waren die Hütten teilweise bis unter’s Dach voll. Also besser vorher buchen bzw. über den Hüttenwirt die jeweils nächste Übernachtung reservieren.

Anreise

Flug nach Stockholm, von das aus mit der Bahn nach Mora und dem Bus nach Idre / Grövelsjön. Dauert einen Tag. Nach Tänndalen fährt leider kein Bus, da muss man ein Taxi nehmen oder die Route ändern.

Wetter

Wir waren Mitte März unterwegs. Die Temperaturen lagen teilweise um den Nullpunkt, so dass der Schnee klebte. Oben im Fjäll war es wegen des Windes allerdings sehr kalt, und der Schnee war teilweise gefroren. In Idre herrschte bei unserer Abreise heftiges Tauwetter. Ich würde daher nicht später als Mitte März gehen.

Der Hüttenwirt gibt jeden Morgen den Wetterbericht durch. Bei Sturm und Schnee ist ein Pausentag angebracht, denn im Whiteout weißt Du nicht mehr, wo oben und unten ist. Eine Orientierung ist dann selbst mit dem GPS-Gerät schwierig.

Orientierung mit Kompass und GPS, den Bau einer Schneehöhle sowie Erste-Hilfe-Kenntnisse musst Du bei einer Wintertour unbedingt beherrschen.

Skier

Skier kannst Du vor Ort leihen, z.B. bei Idrefjällens Sport in Idre. Es handelt sich um so genannte „backcountry ski“, das sind breite, stabile Langlaufskier. Der Kungsleden ist nicht gespurt, Du läufst also nicht in einer Loipe, sondern musst Dir den Weg selber bahnen. Wenn Du noch nie auf Skiern gestanden hast, solltest Du vorab ein paar Trainingstage einplanen.

Wenn Du Dich komplett in den Hütten verpflegst, kommst Du mit relativ wenig Gepäck aus und brauchst keine Pulka. Das Gehen mit Pulka ist gewöhnungsbedürftig, auch das solltest Du vor der Tour ausprobieren.

Mein persönliches Fazit

Eine Skitour auf dem Kungsleden ist eine echte Alternative zu einer Sommertour. Man kommt im Schnee oft leichter voran, denn im Sommer ist das Gelände stellenweise sehr sumpfig und steinig. Die Winterlandschaft ist ein Traum! Auch der Kompromiss „Gruppenreise“ war okay, denn die Leute, die so eine Tour machen, ticken in der Regel ähnlich. Und die Schnarcher in der Hütte habe ich irgendwann nicht mehr wahrgenommen. Ich kann mir vorstellen, so eine Tour nochmal zu machen – allerdings (noch) nicht alleine.

Hast Du schon mal eine Wintertour genacht? Wie sind Deine Erfahrungen? Lass es uns wissen!

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