Projekt 360: Um die Welt, zu Dir selbst – Workaway in Island

An einem sonnigen Morgen im Mai packte ich mein Hab und Gut ins Auto. Die Wohnung war gekündigt, das Inventar verkauft und verschenkt, der Wohnsitz abgemeldet. Ich wusste nicht, ob ich jemals wiederkommen würde.

Ich war im Leben viel gereist, hatte aber nie für längere Zeit im Ausland gelebt. Das wollte ich nachholen. Außerdem hatte ich das Gefühl, in Deutschland keine Luft mehr zu kriegen. Das Leben schien eng und eingefahren. Vielleicht zog es mich deshalb dahin, wo die Weite scheinbar unendlich ist: nach Island.

 

In der Weite Islands dehnen sich auch die Gedanken aus.

 

Island war mir nicht fremd. Ich hatte dort seit Jahren als Reiseleiterin gearbeitet und dadurch Land und Leute ein Stück weit kennengelernt. Mir war klar, dass das Leben dort anders ablief. Die Natur ist eine Macht, die im Alltag der Isländer immer noch ein Wörtchen mitzureden hat. In Anbetracht aktiver Vulkane und unberechenbarer Wetterverhältnisse ist es wenig sinnvoll, zu lange im Voraus zu planen. Die Isländer wissen mit unvorhersehbaren Ereignissen und Katastrophen aller Art umzugehen. Ihre Haltung ist von einer Art Urvertrauen geprägt. Þetta reddast, sagt man hier: Das wird schon werden.

Ich hingegen bin eine absolute Planerin. Ich brauche Ordnung und Struktur Ein gut durchdachter Plan gibt mir Sicherheit, eine to-do-Liste führt mich durch den Tag, mein Terminkalender ist ein treuer und geliebter Freund. Wie würde ich mit der Arbeits- und Lebensweise in Island zurechtkommen, wenn ich als Workawayer tiefer in den Alltag eintauchte?

 

Ein Paradies, in dem ich nie ankam – mein erstes Workaway-Erlebnis in Island

Meinen ersten Monat – einen wunderschönen, sonnigen Juni – verbrachte ich als Workawayer auf einem ehemaligen Bauernhof im Norden Islands. Workaway bedeutete, dass ich für meine Mithilfe in Haushalt und Garten einen Schlafplatz und Verpflegung bekam und – das Spannendste an der Sache: einen Einblick in eine andere Welt.

Meine Gastgeber, eine sehr freundliches Paar in den 50ern, hatten ihr Leben als Bauern aufgegeben und verdienten ihre Brötchen nun mit diversen Jobs. In Island ist es völlig normal, sich in verschiedenen Tätigkeiten auszuprobieren, die Arbeitsstelle öfter zu wechseln oder mehrere Jobs gleichzeitig zu machen. Die beiden waren ausgesprochen zufriedene Menschen und nannten den Hof ihr „kleines Paradies“.

 

Die Nacht wird zum Tag: Blick auf den Fjord um 0:30 Uhr

 

Ich selbst kam in diesem Paradies nie wirklich an. Ich fühlte mich wie ein Fremdkörper, war rastlos und unzufrieden. Es wurde in der Regel spontan entschieden, welche Arbeit zu tun war. Es gab keinen Plan für den Tag, ich wusste nie, ob man mich brauchen würde. Manchmal passierte gar nichts, ich saß rum und wurde hibbelig. Das Internet war meine Rettung. Dort fand ich Ablenkung und die Verbindung zu meiner alten Welt – einer Welt, die ich eigentlich hinter mir lassen wollte, und von der ich mich doch nicht trennen konnte. Das Leben ging irgendwo ohne mich weiter. Vielleicht kam der Wechsel vom Ruhrgebiet in die isländische Provinz ein bisschen zu plötzlich?

Mir dämmerte allmählich, worauf ich mich eingelassen hatte. Außerhalb der gewohnten Umgebung war ich auf mich selbst zurückgeworfen. Wer oder was war ich, weit weg vom gewohnten Alltag, von Freunden, Kollegen und Familie, ohne den alten Job, ohne meine Wohnung, ohne meine Rollen? Niemand kannte mich in Island. Ich war verunsichert, schüchtern, wusste nicht, wo mein Platz war und was von mir erwartet wurde. Und ich kriegte vieles nicht mit, weil ich die Sprache nicht richtig verstand.

Eines Tages wurde beschlossen, den ehemaligen Kuhstall umzubauen. Der diente gelegentlich als Sommercafé. Ich machte das, was ich am besten kann: Aufräumen, Fegen, Streichen. Der berühmte deutsche Perfektionismus kam in mir durch: Natürlich kann ich streichen, ohne vorher Ecken und Ränder mit Kreppband abzukleben. Aber wie sieht das denn bitteschön aus? Und macht es nicht Sinn, erst zu streichen und dann die Sanitärinstallation anzubringen? Als die Trennwand, die wir gemeinsam bauten, fast fertig war, bemerkte ich so nebenbei, dass eine Tür vielleicht ganz sinnvoll sei. Die beiden guckten mich an. „Ja, eine Tür. Gute Idee!“ Die Bauarbeiten wurden eine harte Nummer für mich. Es gab keinen Plan, es fehlte an Material, und überhaupt hätte man das alles viel schneller erledigen können. Nie hätte ich gedacht, dass ich an Kleinigkeiten so schnell verzweifeln würde.

 

Kampf gegen Schneemassen – Workaway im winterlichen Island

Im September kam ich in das schöne Tal Svarvaðadalur. Hier hatte man eine ehemalige Schule zu einem Hostel und Guesthouse umfunktioniert. Und hier, am Ende der Welt, wollte ich überwintern.

Wir waren drei Workawayer, die im Haus die Stellung hielten. Gäste waren im Winter nicht unbedingt zu erwarten, aber es gab immer irgendwas zu tun. Wenn nichts Dringendes anstand, suchten wir uns Arbeit. Wenn es das Wetter zuließ, sägten wir mit großem Elan Holz für die Feuerstelle. Da es in Island kaum Bäume gibt, nahmen wir Paletten vom Hafen. Das Sägen war unser Fitnessprogramm, das schon bald vom Schneeschippen abgelöst wurde. Der Winter kam ungemein früh, wir schneiten regelmäßig ein und waren auch mal ohne Strom.

 

Eingeschneit zu sein ist in Island nichts Ungewöhnliches

 

Es sah natürlich wunderschön aus, wenn alles weiß war, aber es erschwerte das Leben ungemein. Wir waren nun mal auf dem Land, fünf Kilometer vom nächsten Ort entfernt. Der Räumdienst bediente erst die Hauptstraßen und den Ort, bevor er zu uns kam. Das konnte schon mal ein bis zwei Tage dauern. Wir konnten also nicht einfach wegfahren – zum Schwimmbad, zum Einkaufen oder wohin auch immer. Eigentlich war das Wohin auch gar nicht so wichtig, sondern vielmehr die Frage, ob man kann oder nicht. Dieses Auf-den-Räumdienst-Warten machte mich fast verrückt. Würde der heute noch kommen? Kurzentschlossen schnappte ich mir die Schneeschaufel und begann, die Zufahrt zur Straße frei zu schippen. Locker 150 Meter lagen vor mir, ich versank knietief im Pulverschnee, und die Flocken fielen und fielen. Völlig blödsinnig die ganze Aktion, aber ich dachte gar nicht daran, vor dem Schnee zu kapitulieren. Ich hasse es einfach, mich nicht bewegen zu können. Mit dieser Art von Widerstand machte ich mir das Leben natürlich unnötig schwer. Der Räumdienst, der zwei Stunden später endlich anrückte, guckte mich auch ziemlich verständnislos an.

 

Warten auf den Räumdienst …

 

Es gab noch eine Menge zu lernen, wenn ich den Winter in Island überstehen wollte: Wann machte es Sinn, mit allen Kräften zu kämpfen, und wann war es besser, abzuwarten und Energie zu schonen? Eine Frage übrigens, die sich ja nicht nur im winterlichen Island, sondern allgemein im Leben stellt.

 

So, wie ich reise, gehe ich durch’s Leben

Es war nur eine von vielen Lektionen, die ich während meiner Reise serviert bekam. Denn eins ist klar: Es gibt durchaus Parallelen in der Art und Weise, wie ich reise und wie ich durchs Leben gehe:

Nehme ich meine Reise selbst in die Hand, oder lasse ich mich führen?
Geht es mir um neue Erfahrungen, will ich etwas lernen, oder suche ich Bequemlichkeit?
Plane ich, oder lasse ich die Dinge auf mich zukommen?
Habe ich einen festen Ort, an den ich immer wieder zurückkehre, oder zieht es mich in neue Länder?

In der Fremde habe ich unglaublich viel über mich selbst erfahren. Noch im gleichen Winter verließ ich Island, aber die Reise war noch lange nicht zu Ende. Es ging weiter durch halb Europa, das nächste Winterabenteuer erwartete mich in Lappland. Jeder Tag brachte neue, unbekannte Situationen, stellte mich vor neue Aufgaben und Herausforderungen. Es gab so gut wie keine Routine, in die ich mich flüchten konnte. Ich befand mich, sobald ich morgens aufwachte, in einer fremden Welt, mit der ich mich auseinandersetzen musste. Es gab kein Verstecken, schon gar nicht vor mir selbst. Durch das lange Reisen wurde ich mehr und mehr zum Beobachter, nahm wahr, was um mich herum geschah – und zunehmend auch, was in mir selbst passierte.

Die meisten Menschen fanden meinen Lebensstil „abgefahren“, ungewöhnlich und vor allem mutig. Ich selbst fand mich nicht sonderlich mutig, was hätte denn schon passieren sollen? Ich habe unterwegs viele Leute getroffen, die ebenfalls als Langzeitreisende unterwegs waren, Menschen jeden Alters, aus allen möglichen Ländern, mit ganz verschiedenen Zielen und Hintergründen. Die Welt ist in Bewegung, und ich habe es als inspirierend und bestärkend empfunden, mich mit ihr zu bewegen – auch wenn es manchmal anstrengend war. Für mich besteht die größte Sicherheit darin, zu wissen, dass ich beweglich bin und mit Veränderungen umgehen kann. Ich will mir eine gewisse Neugier bewahren und Vertrauen in den Lauf der Dinge und meine eigenen Stärken entwickeln. Das mit dem Vertrauen ist, zugegebenermaßen, noch immer eine Herausforderung. Aber: Þetta reddast, wie die Isländer sagen. Das wird schon werden.

 

Nach Island kam Lappland mit Temperaturen von -30C

 

Winterstürme in Island, eisige Temperaturen in Finnland, die Rückkehr der Sonne und mein erstes Gespenst – das sind nur ein paar meiner Erlebnisse. Die besten Geschichten meiner Reisezeit habe ich in meinem E-Book Wildgans – Erlebnisse einer Langzeitreisenden festgehalten. Foto dazu gibt’s hier.

 

PROJEKT 360: UM DIE WELT, ZU DIR SELBST

Dieser Beitrag entstand für Igors PROJEKT 360: UM DIE WELT, ZU DIR SELBST. Bei diesem Projekt berichten Blogger über Reisen, die eine Veränderung in ihrem Leben hervorbrachten. Viele bemerkenswerte Geschichten aus der ganzen Welt findest Du auf Igors Seite 7 Kontinente.

 

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