Wanderung von Buer nach Westerholt

Jetzt vergisst du am besten mal alles, was du über Gelsenkirchen und das Ruhrgebiet weißt. Oder zu wissen meinst. Ja, auch den Fußball. Bei dieser Tour geht es nämlich um Dinge, die hier niemand vermutet: Wasserschlösser, Barockgärten, Fachwerkhäuser und – Löwen.

Die Wanderung von Buer nach Westerholt gehört zu meinen Lieblingstouren im Ruhrgebiet. Zum einen geht man fast nur durch’s Grüne. Zum anderen switcht man mal eben vom Pott in eine Fachwerkidylle mit engen Gassen, gusseisernen Laternen, Geranien vor den Fenstern und Holzherzchen an den Haustüren. Glaubst du nicht? Dann guck du mal hier auf Youtube!

Um den Kontrast so richtig auszukosten, empfehle ich übrigens die Anreise über Gelsenkirchen Hauptbahnhof und mit der Straßenbahn 302 durch Schalke bis nach Buer, Haltestelle Berger See.

Und wenn du noch mehr Lust auf Ruhrpott-Ambiente hast, kannst du am Ende der Wanderung die Rungenberg-Halde und Schüngelbergsiedlung dran hängen.

Strecke: 13 km für die Rundtour von Buer nach Westerholt plus 5,5 km Verlängerung zur Rungenberg-Halde = alles in allem 18,5 km

Start- und Endpunkt: Schloss Berge in Gelsenkirchen-Buer. Mit Öffis erreichbar (Straßenbahn 302 bis „Berger See“)

GPS-Daten: Download bei Komoot

Wir starten am Schloss Berge. Los geht’s!

Wasserschlösser im Ruhrgebiet?

Die gibt’s. Und zwar häufiger, als du vielleicht denkst. Das Ruhrgebiet hat über 100 Burgen, Schlösser und Herrenhäuser! Schloss Horst, Schloss Wittringen, Schloss Herten, Bodelschwingh, Bladenhorst, Hugenpoet, Broich, Strünkede – um nur mal einige zu nennen. Und eben auch die Wasserschlösser in Buer und Westerholt. Das waren im Mittelalter richtige Burgen, die später zu eleganten Herrenhäusern umgebaut wurden.

Zum Schloss Berge gehört ein Barockgarten mit Labyrinth und ein englischer Landschaftspark mit wunderschönen, alten Bäumen. Ein Biergarten mit Blick auf Fontäne darf natürlich auch nicht fehlen. Da könnte man gleich zu Beginn der Wanderung schon hängen bleiben … Infos zum Barockgarten gibt’s übrigens auf der Seite vom Heimatverein Buer.

Die Industriestadt im Grünen

Gegenüber vom Schloss liegt der Berger See, alles zusammen ist Teil des Buerschen Grüngürtels. Dieses grüne Band ist Ergebnis einer ambitionierten Stadtplanung der 20er Jahre. Damals war Buer eine eigenständige Großstadt, bis es 1928 im Zuge einer Eingemeindungswelle vom benachbarten Gelsenkirchen geschluckt wurde. Die Stadtplaner in Buer wussten jedenfalls um die Bedeutung von öffentlichem Grün für die Gesundheit und das Wohlbefinden von uns Menschen. Der Buersche Grüngürtel ist ein schönes Beispiel für Weitsicht und Reformgeist der 20er.

Von den Berger Anlagen wandert man über den parkähnlichen Hauptfriedhof in den Stadtwald und weiter in den Westerholter Wald. Auf dem Friedhof wurden in den letzten Jahren viele Rhododendren gepflanzt, so dass ein richtiger Rhododendron-Park entstanden ist. Auch der Stadtwald wurde in den 20er Jahren als klassischer Volkspark und Teil des Buerschen Grüngürtels angelegt.

Wandern Buer

Löwen im Ruhrgebiet

Jenseits der Westerholter Straße liegt der Westerholter Wald. Ein Wunder, dass es ihn noch gibt, denn hier war mal eine Umgehungsstraße geplant. Angeblich wollte der Grafen von Westerholt genau das verhindern – indem er einen Löwenpark eröffnete. Das war 1968. Die Besucher konnten mit dem Auto durch den Wald fahren, in dem sich die rund 40 Löwen tummelten. Was für eine Vorstellung! Auf Youtube gibt’s Beweismaterial.

>>> Mehr zu dieser Geschichte findest du beim WDR.

Die Löwen sind inzwischen weg, und im Westerholter Wald kann man nun seine letzte Ruhestätte in der Natur finden. Unser Weg führt über den Golfplatz zum Schloss Westerholt, heute Golfhotel und Restaurant. Hoch erfreut stellen wir fest, dass es hier auch zu Corona-Zeiten was heißes zu trinken und leckere Waffeln to-go gibt.

Dem Ruhri sein Rothenburg

Zugegeben: Das Alte Dorf Westerholt kommt schon ein bisschen wie ein Freilichtmuseum daher. Die Fachwerkhäuschen der ehemalige Burgfreiheit stehen unter Denkmalschutz, und man hat es sich gemütlich gemacht: hier ein paar Blumen, da ein bisschen Firlefanz, auch ein Biergarten darf nicht fehlen. Die Menschen lieben ihr Dorf, und ihnen ist es auch zu verdanken, dass Alt Westerholt überhaupt noch steht – sollte es doch in den 60er Jahren komplett abgerissen und durch Betonklötze ersetzt werden!

Vom Alten Dorf wandert man durch den Westerholter Wald, den Stadtwald und über den Hauptfriedhof wieder zurück zu den Berger Anlagen. Hier kann man die Wanderung nach 13 Kilometern im Bergarten ausklingen lassen oder noch einen Abstecher zur Rungenberg-Halde und in die Bergbaugeschichte von Gelsenkirchen machen. Die Runde ist 5,5 Kilometer lang und lohnt sich alleine schon deshalb, weil man hier endlich mal ein paar Höhenmeter macht.

Keine Tour ohne Halde!

Auch, wenn man es nach dieser Wanderung kaum glaubt: Wir sind immer noch im Ruhrpott. Industrielle Vergangenheit und ländliche Idylle liegen gerade im nördlichen Ruhrgebiet oft direkt nebeneinander, und sowohl Westerholt als auch Buer hatten natürlich auch eine Zeche. Westerholt wurde 2008, die Zeche Hugo in Buer schon im Jahr 2000 still gelegt. Fördergerüst und Maschinenhalle von Hugo 2 konnte durch großes ehrenamtliches Engagement des Trägervereins Hugo Schacht 2 e.V. vor dem Abriss bewahrt werden und sind nun Location für das „Pütt-Programm“. Der Verein betreibt auch „das kleine Museum“ in der Schüngelbergsiedlung.

Vielleicht nicht ganz so idyllisch wie das Alte Dorf in Westerholt, aber dennoch Heimat: Die Schüngelbergsiedlung wurde für die Bergleute und ihre Familien gebaut, die aus der Ferne kamen und hier ein neues zu Hause fanden. Auch die Siedlung Schüngelberg drohte dem städtebaulichen Sanierungswahn zum Opfer fallen, wurde aber zum Glück unter Denkmalschutz gestellt, in den 90er Jahren umfassend saniert, um Neubauten ergänzt und zum Vorzeige-Projekt der Internationalen Bauausstellung IBA Emscher Park.

Die Halden sind die wahren Höhepunkte einer Wanderung im Ruhrgebiet. Kurze Erklärung für die Touristen: Halden bestehen aus dem Gestein, das zusammen mit der Kohle nach über Tage befördert wurde. Man bekommt also ungefähr ein Bild von den Hohlräumen, die unter unseren Füßen entstanden sind. Manchmal rumst es deshalb auch ein bisschen, und dann ist wieder ein Stück vom Ruhrpott abgesackt. Die Risse in den Hauswänden kommen nicht von ungefähr.

Auf jeden Fall hat man von den Halden eine tolle Aussicht, so auch von der Halde Rungenberg (110m ü. NN, rund 300 Treppenstufen!). Die Schüngelberg-Siedlung, Schacht 2 und natürlich die Schalke-Arena liegen einem zu Füßen. Jetzt am besten noch ein Sonnenuntergang – hach, ist dat schön hier.

>>> Angefixt? Noch mehr Tourentipps findest du in meinem Blogartikel Wandern im Ruhrgebiet

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