Alleine zum Fjällräven Classic

Jedes Jahr im August schickt die schwedische Outdoor-Firma Fjällräven rund 2.000 Wanderer auf die Piste: Beim Fjällräven Classic in Lappland geht es über eine Strecke von 110 Kilometern durch die „letzte Wildnis Europas“. Für viele Teilnehmer ist es die erste Tour mit großem Gepäck. Und viele kommen alleine zum Fjällräven Classic – so auch Manu. Sie war nun schon zwei Mal dabei und wird in diesem Artikel über ihre Erfahrungen berichten.

Schwedisch-Lappland ist für viele Outdoorfreunde ein Traum: Die Gegend ist wild, kaum besiedelt und trotzdem für Wanderer gut erschlossen. Es gibt markierte Wege und Hütten. Hier oben, im Hohen Norden, verläuft der „Kungsleden“, ein Klassiker unter den Fernwanderwegen. Auf einem Teilabschnitt des Kungsleden findet jedes Jahr der Fjällräven Classic statt.

Viele Teilnehmer, die alleine zum Fjällräven Classic kommen, trauen sich eine Solotour (noch) nicht zu und greifen dankbar auf die Unterstützung und Infrastruktur zurück, die während des Events geboten wird. Manche kommen immer wieder, schwärmen von der Atmosphäre und den Begegnungen unterwegs. Und nicht selten entstehen Freundschaften. Und dazu wird Manu jetzt was erzählen.

Alleine zum Fjällräven Classic – ein Erfahrungsbericht

Manu ist über das Laufen zum Wandern gekommen. Sie wohnt im Süden Deutschlands und hat die Berge direkt vor der Haustür. Bergläufe und Marathons sind ihre große Leidenschaft. War das Wandern anfangs eher eine Ergänzung zum Lauftraining, gehört es heute – wie auch das Biken – zu ihrem Leben. Über das Wandern ist Manu zum Trekking gekommen. Bei einer Trekkingtour im Isländischen Hochland haben wir beide uns vor einigen Jahren dann auch kennen gelernt.

Manu, wie bist Du auf den Fjällräven Classic gekommen?

Das hat mir ein Bekannter so ganz zufällig erzählt. Aber ich dachte: Schweden ist eh viel zu teuer. Und dann auch noch organisiert was zu machen … Und dann war das aber total günstig, und ich habe mich einfach spontan angemeldet. Das war meine erste Trekkingtour allein.

Warum hast Du ausgerechnet den Fjällräven Classic gewählt?

Weil mich die Landschaft da oben einfach fasziniert.

Du hättest ja auch alleine gehen können …

Ja, und eben genau deshalb – weil es schon so ein bisschen organisiert war: Ich bin jetzt nicht der typische Pauschaltourist, aber so ein bisschen Rahmen war mir ganz angenehm – eben, weil ich allein war.

Für Dich war also auch die Gesellschaft ein Grund?

Vorgehabt habe ich eigentlich beim ersten Mal, das für mich allein zu machen. Ich hatte auch die Kamera dabei. Habe aber gleich am ersten Tag jemanden kennen gelernt (lacht). Wir haben uns dann auf der Strecke wieder getroffen. Da hatte er dann nochmal jemanden dabei, das war der Münchener. Und dann haben wir uns ein bisschen unterhalten und sind zusammen weiter gelaufen. Und im Nachhinein waren wir uns alle drei einig, dass wir am ersten Tag überlegt haben: Wie werden wir die anderen wieder los? Denn eigentlich wollte es jeder für sich alleine machen (lacht). Das war dann aber so nett, dass wir die komplette Strecke zusammen gegangen sind. Das hat einfach gepasst.

Das heißt, da kommen tatsächlich eine ganze Menge Leute hin, die eigentlich den Vorsatz haben, alleine zu wandern?

Ja. Oder alleine, mit dem Wissen, dass jemand da ist, wenn man das möchte. Man unterhält sich mal eine halbe Stunde mit jemandem und läuft dann wieder alleine weiter. Man kann das alleine machen, oder man kann sich jemandem anschließen.

Ist es das, was dir so besonders am Fjällräven Classic gefällt?

Hmm (überlegt) – eigentlich macht das schon ganz viel aus, so eine ganz spezielle Stimmung unter den Leuten. Das ist komplett international, aber irgendwie ticken die meisten gleich.

Man geht ja mit dem Zelt und schleppt alles mit. Und kann man wirklich überall campen und die Etappen selber gestalten?

Es gibt jeden Tag Checkpoints. Und drei Mal hat man die Möglichkeit, in die Sauna gehen, bei den Hütten. Man muss die aber nicht anlaufen. Man kann auch ein Stück davor bleiben, oder ein Stück weiter laufen. Man kann ganz alleine irgendwo sein Zelt aufstellen. Ganz, wie man möchte.

Wie ist das denn, wenn da so rund 2.000 Leute durch’s Fjäll – ähh – trampeln und campen? Das sieht man doch, oder?

Nee. Überhaupt nicht. Du findest da auch keinen Krümel Müll. Man sieht da überhaupt nichts.

Wahnsinn. Das kann ich mir ja ganz schwer vorstellen. Ich meine, das ist ja schon eine Massenveranstaltung.

Es gibt diese Bilder, wo du siehst, wie da eine ganze Schlange Leute läuft, alle bunte Klamotten und die großen Rucksäcke. Das ist einerseits ein tolles Bild, andererseits sagen die Leute „Oh, so viele“ – es sieht so nach Massenveranstaltung aus. Aber es ist total angenehm. Man muss er erlebt haben. Es verteilt sich total und ist total entspannt. Es gab nie eine Situation wo ich gedacht habe „zu viele“. Außer in der Sauna (lacht).

Kommen wir mal zur Organisation und wie das alles abläuft …

Die ist richtig gut! Die holen dich mit dem Bus vom Flughafen ab und fahren dich zum Campingplatz. Am Campingplatz ist dann eine Turnhalle, da kriegst du Trekkingnahrung. Das wird alles gestellt. Dann gibt’s noch Polarbröd. Das kann man sich nehmen, so viel man will. Und Gas ist auch mit dabei. Dann noch von Fjällräven – da kannste dir deine komplette Ausrüstung vervollständigen oder neu zulegen. Und dann hängt in der Halle die Strecke, die Wettervorhersage. Am nächsten Morgen fahren sie dich zum Start. Im Ziel ist dann eine Abschlussparty in´m Trekker’s Inn, so einem Riesen-Tipi. Also die machen sich Mühe. Und am Ende fahren sie dich wieder zum Flughafen. Es lief alles reibungslos.

Man startet ja auch in verschiedenen Gruppen, so dass nicht alle zusammen auf die Piste gehen.

Jeden Tag vier Startgruppen. Die erste morgens um neun, die letzte mittags. Dadurch verteilt sich das natürlich auch ein bisschen. Der ganze Start ist über vier Tage verteilt.

Man hätte ja theoretisch auch die Möglichkeit, einfach so lange zu gehen, wie man braucht, oder? Wenn man das jetzt nicht in der vorgesehenen Zeit schafft?

Du kannst ja wählen zwischen drei, vier und fünf Tagen, musst das aber nirgendwo angeben. Das ist ja kein Wettkampf. Viel haben sogar Kinder dabei.

Es heißt dass der Fjällräven Classic auch ganz gut für Anfänger geeignet ist …

Ja, aber man muss sich bewusst sein: Es sind über 100 km mit Gepäck! Also, da schleppen sich wirklich manche durch.

Wie viel Kilo hattest du denn?

Beim ersten Mal 16 Kilo. Das war definitiv zu viel. Und dieses Mal knappe 13.

Was hast du denn weg gelassen?

Also, ich hab‘ wirklich an Klamotten gespart. Und beim ersten Mal hatte ich zu viel von dieser Trekkingnahrung dabei. Die Empfehlung ist, sich was für morgens, mittags und abends mitzunehmen. Und mittags ist es aber so, dass man eigentlich nur ein paar Nüsse isst.

Da hast du dann echt eine Lehre aus dem ersten Mal gezogen.

Ja. Und es ist erstaunlich, wie viel 3 Kilo ausmachen! Beim ersten Mal war es dann wirklich am Schluss, dass mir die Fußsohlen weh taten, von dem Gewicht. Und dieses Mal war gar nichts.

Habt ihr denn vorher eine Liste gekriegt, was ihr mitbringen müsst? Ich denke da gerade an den Proviant, da mal abzuschätzen, wie viel brauche ich eigentlich – kriegt man dazu Infos?

Nicht im Detail. Auf der Homepage von dem Fjällräven Classic ist schon eine Packliste, aber nicht mit Mengenangaben zum Essen.

Was würdest du Leuten empfehlen, wenn sie zum ersten Mal mit wandern?

Dass man sich auf jeden Fall eine gewisse Grundkondition antrainiert. Oder die halt schon hat. Man muss sich wirklich bewusst sein, es sind jeden Tag zwischen 20 und 30 Kilometer. Es ist nicht mega anstrengend, aber doch schon eine lange Strecke.

Kann man eigentlich aussteigen zwischendurch?

Ja, aber nur mit Helikopter.

Hmm, das kostet natürlich …

Ja, das kostet …

Gab es irgendeine Geschichte unterwegs, die sich besonders bewegt hat? Eine Erlebnis oder eine Begegnung?

Beim ersten Mal, als ich mit dem Wolfgang und dem Jimmy unterwegs war, da kam dieser Mega-Sturm. Wir haben unsere drei Zelte aufgebaut. Und dann hat das so schlimm gestürmt. Und die ganze Nacht hat jeder in seinem Zelt gesessen, alle drei wach, und jeder hat sein Zelt von innen festgehalten (lacht). Und es ist eine Minute nach der anderen vergangen, und du hast einfach nur gehofft, dass die Nacht um geht und das Zelt nicht weg fliegt. Das war so gleich mal der Anfang vom ersten Classic.

Dann war halt am nächsten Tag das Wetter immer noch schlecht, und wir sind wieder zusammen los gelaufen. Und da war es klar, dass es nett ist, und dass wir zusammen bleiben, dass es einfach passt. Mit den beiden habe ich auch immer noch Kontakt. Wolfgang ist ja nicht allzu weit weg, und da ist eigentlich eine super Freundschaft draus geworden. Wir wollten ja dieses Jahr oder nächstes Jahr zusammen nach Grönland – vielleicht. Ja, das sind einfach zwei Kontakte, die geblieben sind.

Ja, cool. Alle wollten alleine sein – und dann entstehen Freundschaften. Dafür steht der Fjällräven Classic auch, glaube ich.

Ja auf jeden Fall. Und dieses Mal habe ich auch einen sehr netten Menschen kennen gelernt, einen Dänen. Und der war mit einem Koreaner unterwegs. Wir waren dann auch die ganzen 5 Tage zusammen unterwegs. Das hat sich so ergeben. Wir haben am ersten Abend – die Abende sind ja nicht so lang, da sitzt jeder vor seinem Zelt und macht sich sein Essen, und es ist ja relativ kalt und wird früh dunkel, alle sind müde – haben uns also am ersten Abend unser Trekkingessen warm gemacht. Der Koreaner, der hat dann da richtig aufgekocht, mit koreanischen Nudeln, sämtlichen Soßen, ’n Riesentopf voll Irgendwas – der hatte nur koreanisches Essen im Rucksack. Ich glaube 26 Kilo. Und da hat er dann einen Soju raus gezogen. Das ist koreanischer Reisschnaps. Und Bier. Der hat auch noch Bier im Rucksack gehabt! Da mussten wir ihm dann am ersten Abend helfen, seinen Rucksack leer zu machen. Und da saßen wir dann an diesem Abend draußen und haben Bier mit Soju getrunken, und da hat der Per, der Däne, gesagt, er hat morgen Geburtstag. Und es wäre nett, wenn er morgen nicht allein wäre. Da sind wir halt wieder zusammen weiter gelaufen.

Wir sind immer so gefühlt im Abstand von 2 Kilometern gelaufen, haben uns aber immer wieder getroffen. Das war ganz nett: Da warst du für dich, und es war trotzdem jemand da. Und dann eben, an dem nächsten Abend, da saßen wir wieder vor den Zelten und haben unser Essen gekocht. Da hat dann der Per so ein kleines Fläschchen raus gezogen. Das war 10 oder 15 Jahre alter Rum von seiner Oma. Hat er extra mitgebracht. Den wollte er zu seinem Geburtstag trinken – wenn’s geht nicht alleine. Es war so eine Kleinigkeit, aber so ein netter Abend.

Ja, das sind ja jetzt die coolen Geschichten, die schönen. Gab’s auch mal so eine richtigen Tiefpunkt?

Nö. Am ersten Abend, als der Sturm war, habe ich schon kurz mal gedacht „Hält mein Zelt?“ – aber jetzt wirklich Panik, oder dass ich Sorgen gehabt habe, gab’s eigentlich nicht.

Gibt es noch etwas, von dem du meinst, dass es im Zusammenhang mit dem Fjällräven Classic wichtig wäre zu erwähnen?

Hmm, ja, schon, dass man sich klar sein sollte, dass es eine Massenveranstaltung ist. Viele Leute sagen „Ich will alleine sein und Ruhe“ – das hat man auch, aber es sind halt 2.000 Leute auf der Strecke unterwegs. Und am Ende ist dann die Riesen-Abschlussparty. Das muss man mögen.

Und, dass man die Strecke, obwohl sie einfach ist, nicht unterschätzen soll. Eine Etappe ist zum Beispiel über 30 Kilometer! Da waren wir dann so kaputt an dem Abend, da hat es nicht mal mehr was zu Essen gegeben. Wir haben nur unsere Zelte aufgebaut, hat auch keiner mehr geredet, alle waren total erschöpft. Einfach nur noch ins Zelt und schlafen!

Und der nächste Morgen, wie war der?

In der Nacht, da hat’s Minusgrade gehabt. Da war alles gefroren. Und ich hab‘ auch gefroren, weil mein Schlafsack viel zu kalt war. Bin dann morgens um 6 aufgestanden und habe Fotos gemacht, um wieder warm zu werden. Da habe ich gar nicht geschlafen in der Nacht.

Das heißt, ein warmer Schlafsack ist total wichtig!

Ja, auf jeden Fall. Also wir hatten, wie gesagt, beim ersten Mal -6°C! Sonst geht es nachts so in den einstelligen Bereich. Es ist schon kalt.

Plus eventuell Stürme – das heißt, die Ausrüstung muss stimmen.

Ja, die Ausrüstung muss stimmen. Und natürlich die Schuhe. Viele sind da mit so Trailrunning-Schuhen unterwegs. Ich würde aber auf jeden Fall Wanderschuhe empfehlen. Am besten ein knöchelhoher Schuh. Der Wanderschuh gibt schon mehr Halt. Aber man muss eben gewöhnt sein, mit dem so weite Strecken zu gehen. Die Schuhe – sehr, sehr wichtig. Und mein Wundermittel gegen Blasen ist Hirschtalg. Morgens, immer vor’m Loslaufen.

Und gleich an der ersten Station verteilt Hanwag Blasenpflaster, oder?

Die machen auch Pflaster drauf. Die verarzten dich quasi. Die kümmern sich richtig. Gucken auch, ob die Schuhe richtig geschnürt sind.

Da kann man noch richtig was lernen. Vielleicht sollte ich auch mal mitgehen …

Manu, besten Dank für das Gespräch und die tollen Fotos!

Infos zum Fjällräven Classic in Lappland

Der Fjällräven Classic führt über eine Strecke von 110 Kilometer durch das „Fjäll“ in Schwedisch-Lappland. Jenseits der Polarkreises wandert man auf dem Kungsleden und dem weniger bekannten Dag Hammarskjöldsleden von Nikkaluokta nach Abisko. Für den Trekk braucht man in der Regel 5 Tage, aber es gibt kein echtes Zeitlimit, man kann die Länge seiner Etappen selber wählen.Wie schnell man geht, ist also jedem selbst überlassen. Übernachtet wird im Zelt, das man – zusätzlich zum Proviant – natürlich selber trägt.

Das Event, an dem jedes Jahr rund 2.000 Menschen aus aller Welt teilnehmen (davon ca. 40% Frauen), wird von der Firma Fjällräven organisiert und findet immer im August statt. Für die Teilnahme zahlt man ein Startgeld von ca. 230,- €. Darin enthalten sind, neben Organisation und Betreuung, auch der Bustransfer zum Startpunkt und Kartenmaterial.

Der Start verteilt sich auf mehrere Gruppen und Tage, damit es im Fjäll nicht zu voll wird. Auf der Strecke passiert man dann mehrere Checkpunkte, an denen man seinen Laufzettel abstempeln lässt und sich mit einer Zimtschnecke für die nächsten Kilometer stärken kann. Am Ziel in Abisko gibt’s natürlich eine zünftige Abschlussparty im Trekker’s Inn und – mindestens genauso wichtig – eine heiße Dusche und Sauna!

Der Ticketverkauf für den Fjällräven Classic Schweden beginnt jeweils im Januar. Die Tickets sind sehr begehrt – also früh anmelden!

Der Fjällräven Classic findet mittlerweile auch in Dänemark, den USA, Hongkong und Südkorea und 2020 erstmals auch in Deutschland statt.

Links

Gut vorbereitet zum Fjällräven Classic

Du bist noch nie mit großem Gepäck gewandert? Das kannst Du ausprobieren, bevor es nach Lappland geht! Bei meinem Trekking-Traning geht es 3 Tage lang mit Zelt und Rucksack durch das schöne Sauerland. dazu gibt es Tipps und Infos zur Tourenplanung, Ausrüstung und Sicherheit beim Wandern.

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